Aktuell: November/Dezember 2011 Aktuelles Heft
 
"100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek" 2012

Siegreicher Gedenkmünzen-Entwurf von Victor Huster: Sammlungsgegenstände der Deutschen Nationalbibliothek gelungen in einen menschlichen Kopf projiziert.

 



Die 1912 in Leipzig gegründete Deutsche
Bücherei, der später das Deutsche Musikarchiv angegliedert wurde, bildet zusammen mit der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main heute die Deutsche Nationalbibliothek.

 

Für September 2012 ist die Ausgabe einer 10-Euro-Gedenkmünze geplant, die dem Thema „100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek“ gewidmet ist.
Das Bundeskabinett entschied sich für einen Entwurf von Victor Huster aus Baden-Baden, der im Münzwettbewerb den 1. Preis gewonnen hatte.

Es verwundert eigentlich, dass es im „Land der Dichter und Denker“ eine Nationalbibliothek erst seit 100 Jahren gibt. Ist sie doch eine Institution, die zur Aufgabe hat, das wissenschaftliche und kulturelle Erbe Deutschlands zu sammeln, zu dokumentieren und zu archivieren. Der Anstoß, das nationale Schrifttum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und für die Nachwelt zu erhalten, kam vom Börsenverein der Deutschen Buchhändler. Er gründete, unterstützt vom Königreich Sachsen und der Stadt Leipzig, am 3. Oktober 1912 die Deutsche Bücherei. Sie ist eine der drei Vorgängereinrichtungen der heutigen Deutschen Nationalbibliothek, zu denen auch die nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankfurt am Main gegründete Deutsche Bibliothek und das Deutsche Musikarchiv gehören, das letztes Jahr von Berlin nach Leipzig umgezogen ist.

Mittlerweile werden längst nicht mehr nur gedruckte Publikationen wie Bücher oder Notenblätter archiviert, sondern auch alle Arten von Tonträgern und elektronischen Medienwerken. 2006 wurde der Sammelauftrag per Gesetz auch auf Veröffentlichungen im Internet erweitert, die heute ebenfalls zum kulturellen Erbe Deutschlands gezählt werden. Die Deutsche Nationalbibliothek stellt ihre Sammlungen nicht nur der Forschung und Wissenschaft zur Verfügung, sondern der gesamten Öffentlichkeit. Die beiden Präsenzbibliotheken in Leipzig und Frankfurt, in deren Magazinen rund 25 Millionen Medieneinheiten lagern, werden täglich von mehr als 20000 Menschen genutzt. Allein in den Lesesälen stehen über 800000 Werke bereit.

Bücher und Noten im Kopf

Wie setzt man das 100-jährige Jubiläum einer solchen Institution nun auf dem 32,5 Millimeter messenden Rund einer Gedenkmünze plastisch um? Das war die Frage, der sich auch die zum Gestaltungswettbewerb eingeladenen Künstler stellen mussten. Victor Huster aus Baden-Baden, der Medailleur mit der unverkennbaren Handschrift, entschied sich für eine Collage aus Sammlungsgegenständen der Bibliothek, die er in einen menschlichem Kopf projiziert hat. Das Preisgericht war sehr angetan und lobt den siegreichen Entwurf als „schwungvolle, dynamische, junge Komposition“.

Das Gesicht auf der Bildseite steht stellvertretend für die Leser in der Bibliothek, Bücher und Buchstaben für Schriftgut, die binären Zeichen für die digitale Welt und Notenschlüssel stellvertretend für Musik und Tonträger. „Die Zusammenstellung von Nutzung und Sammlung, von Mensch und Werk charakterisiert die Bibliothek sehr treffend. Sie abstrahiert von konkreten baulichen Gegebenheiten, Orten und Bildern und zeigt inhaltlich doch all das, was die Deutsche Nationalbibliothek ausmacht“, lobt die Jury einstimmig. Auch die Wertseite mit ihrem künstlerisch gestalteten „hoheitlich würdigen Adler“ sei ein „wunderbares Pendant zur Bildseite“. Lediglich der Schriftzug „Silber 625“ für die Spiegelglanzversion müsse deutlich größer gestaltet werden. Bis zur endgültigen Prägung der Münze wird dieser Punkt noch geändert.

Die Konkurrenzentwürfe

Ebenfalls nach Baden-Baden ging der 2. Preis. Und wie Victor Huster zeigt auch Erika Binz-Blanke in ihrem Entwurf nicht etwa die markanten Bibliotheksgebäude in Leipzig und Frankfurt, sondern verbindet in ihrer Komposition Besucher und Sammlungsgegenstände. Die geschwungenen Linien, die die Collage einfassen, werden von den Preisrichtern als „Orbit“ gedeutet, der die zu Masken ab-strahierten Gesichter der Nutzer, die Bücher und CDs umgibt. Die Künstlerin habe damit „ein starkes Bild für den Sammel- und Bereitstellungsauftrag der Deutschen Nationalbibliothek gefunden, wie auch Symbole für die Entwicklung der Medienwerke über die Zeit dargestellt.“

Der 3. Preis wurde Doris Waschk-Balz aus Hamburg zuerkannt, die in einer klaren, plastischen Darstellung den Lesesaal einer Bibliothek zeigt. Der Fortschritt in der Informationsbereitstellung wird durch zwei Personen symbolisiert, von denen die eine ein Buch liest, die andere mit einem Laptop-Computer arbeitet. Die Besonderheit der Deutschen Nationalbibliothek werde, so das Preisgericht, „jedoch nicht hinreichend deutlich“. Dennoch sei „die Umsetzung des Themas technisch wie künstlerisch gut gelungen“.

Platz 4 im Künstlerwettbewerb ging an Friedrich Brenner aus Diedorf. Auch er wählte einen Lesesaal als Hauptmotiv, der hier jedoch eher dem Vorlesungssaal in einer Universität ähnelt. Der Clou des Entwurfs ist zweifellos die kreisrunde glatte Fläche im Zentrum des Bildes. Sie erinnert an den gelochten Mittelteil einer CD oder DVD und symbolisiert damit einen modernen Datenträger, der auch in der Deutschen Bibliothek einen hohen Stellenwert besitzt. Auf der Wertseite bietet dieser Innenkreis Raum für den Bundesadler, der dadurch naturgemäß sehr klein ausgefallen ist. Die Jury hält die Arbeit dennoch „aufgrund der unkonventionellen aber graphisch und reliefplastisch gelungenen Lösung für preiswürdig“.

Nichts mit elektronischen Datenträgern, digitaler Welt oder Internet dagegen hat die Randschrift zu tun. Sie lautet klassisch und schlicht: „Bücher sind der Eingang zur Welt“ – ein Zitat, das dem österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig zugeschrieben wird.

Spezifikationen: 100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek, 2012, 10 Euro, Silber 625/1000 mit 16 g (Spiegelglanz), Kupfer-Nickel CuNi25 mit 14 g (Stempelglanz), ø 32,5 mm, Prägestätte München (D). Die genauen Auflagen werden noch festgelegt.


Vollständiger Artikel mit Abbildungen der Konkurrenzentwürfe im DEUTSCHEN MÜNZEN MAGAZIN November/Dezember 2011.


 


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